Schreibarbeiterin

Grenzen-Los im Jahr 2000 und heute

Im April 2000 veranstaltete ich die Kunstaktion "Grenzen-Los" zwischen Gmünd und České Velenice. Als Fortsetzung zu meinem Roman "Wien ist nicht Chicago", dessen ProtagonistInnen bis 1938 in Gmünd lebten. Diese Grenzregion hat einiges hinter sich. Todesstreifen, Eiserner Vorhang, geteilter Bahnhof... Die Aufhebung der damals noch streng bewachten Grenze und die Aufweichung der Grenzen in den Köpfen jener, die die Vergangenheit ruhen lassen wollen, kostete mich ein Jahr Verhandlungsarbeit und gute Nerven. Schließlich war es möglich, einen Tag lang ohne Reisepass die Grenze zu überschreiten, besser gesagt zu "überfahren". Mit einer 90 Jahre alten tschechischen Dampflok und zweisprachigen Textlesungen.

Viel hat sich seither geändert, die Grenzen wurden geöffnet.  Aber es ändert sich wieder was.

16 Jahre später veranstalte ich also wieder eine grenzüberschreitende Aktion, auch wenn mir inzwischen x-mal der Titel "gestohlen" worden ist: "Grenzen-Los Teil 2"

Antipilgergruppe unterwegs

Konzept, Interviews, Doku: Christine Werner

 

Diesmal auf der Suche nach Brettverschlägen, Umdrahtungen, Grenzsteinen/-zäunen/-absperrungen, Verbotsschildern und Grenzen im Kopf. Und nicht zu vergessen: vom Beten bekommt man Kinder.

überhaupt alles

Es sei eine unglaubliche Frechheit, dass de Auslända nix zoin miassn in der Apotheke, sagt eine Nachbarin in der Steiermark. Das will ich genauer wissen. Doch nichts Genaues weiß die Nachbarin. Sie weiß nur, dass de Auslända nix zoin und mia, de Östarreicha oba scho. Irgendwer habe das erzählt und sie, die Nachbarin, habe es auch schon erlebt. Wann und wo, frage ich. Na, als SIE in der Apotheke die Medikamentengebühr bezahlen musste und eine Ausländerin mit Kind nicht. Eine Asylwerberin? Anerkannte Flüchtlinge in Bundesbetreuung?, frage ich. Die Nachbarin hat keine Ahnung, ahnt aber Ungerechtigkeit. Ihr helfe nie jemand. Obwohl sie chronisch erkrankt sei und eine Menge Geld für Medikamente zahle. Sie betont, dass sie sich nie irgendwas Großes habe leisten können. Zwar leben sie und ihr Ehemann in einem schmucken Häuschen, beide sozialversichert und in der Garage ein Mercedes, aber SIE sei immer benachteiligt gewesen. Ob sie jenen, die Heimat und Hab und Gut verloren haben, also den Ärmsten der Armen keine Medikamente geben würde, frage ich. Und warum, egal wer, etwa Flüchtlinge, vom Gesundheitswesen ausgeschlossen werden sollten. Die Nachbarin will aber lieber erzählen, wie schlecht es ihr immer ergangen sei. Zuerst die Mutter gepflegt, dann den Schwiegervater, keinen Beruf lernen dürfen. Immer nur Hilfsarbeiten gemacht, zum Beispiel beim Bauern Wiesen gemäht. Mit der Hand. Oder geputzt. Jetzt habe sie keine eigene Pension, weil sie nirgends angemeldet war. Nie habe sie was gehabt vom Leben. Und jetzt sei sie krank und in der Apotheke müsse sie Rezeptgebühr für die Medikamente zahlen, während die Auslända..

Mit der Pension des Ehemanns lässt es sich auskommen, lässt sich das Häuschen und das Auto erhalten, sogar großen Blumenschmuck leistet man sich jedes Jahr. Seit ein paar Jahren erhält die Nachbarin Pflegegeld - das möge aber, bitte, nicht weitererzählt werden. Wegen der Neider. Dass beide von ihren Eltern Hausanteile und die Frau das gesamte Vermögen der verstorbenen Schwester geerbt hatte, kann die schreiende Ungerechtigkeit in Bezug auf de Auslända überhaupt nicht mildern.  Aber darum gehe es wirklich nicht. Worum geht es dann? 

Ich würde es gerne verstehen.

 

 

Es ist mehr als 10 Jahre her, als ich mit einer Grazer Künstlergruppe eine "Bürgerwehr-Straßentheater-Aktion" unter dem Motto "Bewacht die Bewacher" machte. Damals nahmen wir jene Möchtgernsheriffs aufs Korn, die im Grazer Stadtpark Bettler und Punks verjagen wollten. Dass eines Tages sogar unsere Innenministerin von Hilfssheriffs zu schwärmen beginnen könnte, hätten wir aber nie geglaubt. Nie.
http://www.pbase.com/helene/graz2

 

 

Zwei neue Flüchtlingskinder sind nun dazugekommen - insgesamt habe ich jetzt sieben. Ich nenne sie „meine Patenkinder“. Zwei aus Somalia und fünf aus Afghanistan. Die Kinder sind zwischen 7 und 12 Jahre alt, haben keine Mama und leben mit ihren Vätern und Brüdern in Mürzsteg, aufgeteilt in kleinen Wohneinheiten. Warme Jacken, Schals, Hauben, Schuhe und Sportgeräte werden gebraucht. Also fuhr ich ins Lager der Caritas am Mittersteig in Wien, um dort Kleidung für die Kids zu erschnorren. Anfangs wollte man Geld von mir – ich sollte die Sachen bezahlen. Zwar wurden ununterbrochen Kleiderspenden abgegeben, aber... na ja, da könnte ja jede daherkommen. Jede? Wenn ich was erreichen will, bin ich nicht jede. Also packte ich alles, was ich brauchte in Säcke und stellte sie der obersten Chefin auf den Tisch. Sie lächelte mich an. Wir einigten uns auf einen kleinen Beitrag, den ich gerne bezahlte. Danke Caritas. Jetzt sollten auch noch die Fahrräder vom Wiener Caritas-Lager zu den Flüchtlingen transportiert werden. Die Chefin vom Mittersteig versprach, mit dem Sozialarbeiter in Mürzsteg Kontakt aufzunehmen. Vielleicht finden sich auch noch ein paar Skateboards für die unbegleiteten Jugendlichen?

Sauerkraut gekauft und gegessen, ein email anstatt an Rita an Richie geschickt (nichts Schlüpfriges zum Glück), fünf Mal das Vorderteil eines soeben genähten und mehrmals verpatzten Phantasieteils (Jacke?) aus Möbelstoff auftrennen müssen. Wieder ein Basilikumstrauch vertrocknet. Warum will das jemand wissen? Keine Ahnung. Günther Kaip hat jedenfalls erst in 2 Wochen Zeit. Ich bedrucke nun doch keine Stoffe. Schreibe stattdessen mit Textilstiften ein Gedicht auf einen in 10 Minuten genähten Rock aus weißem Leinen: es geht/es geht alles/es geht alles seinen lauf/es geht um nichts/keine ahnung. Welches Datum haben wir heute? Und warum schickt mir ein Selbstzahlerverlag Verträge?